Dr. Margarita Unruh: Drei Schwestern . . . ohne Onkel Wanja

27 august 2016 ist der 75 Jahrestag der Deportation von Millionen der Russlandsdeutschen in der ehemaligen UdSSR nach Sibirien, in unbewohnte Steppen Kasachstans, und Wüste Mittelasiens. Sie würden aus Ihren Dörfern, ihren Häusern für ewig verbannt, ohne Recht irgendwann zurück zu kommen. Sie wurden alle unter Kommandanturaufsicht gestellt.


Meine Eltern mit meinen älteren Schwestern vor dem Krieg

Es ist schon kaum wer geblieben, die diese Zeiten überlebt hat. Wir sind geblieben – diejenige, die damals Kinder waren, und wir sind schon alle weit über 70 Jahre alt. Jeder von uns hat seine Erinnerungen über die Kinderjahren unter Kommandantur. Heute möchte ich über meine Kindheit! unter Kommandantur erzählen. Meine Erinnerungen sind mehr lyrisch, als dramatisch. Denn eine Kindheit bleibt auch unter Kommandantur Kindheit.


Drei Schwestern vor dem Krieg

22. Juni 1941. In der Taschkenter Schule Nr.110 findet der Entlassungsabend statt. Irina, die beste Mathematikerin der Schule, erhält das Reifezeugnis mit Auszeichnung. In dem altertümlichen Saal der Schule erklingt Musik, die Absolventen träumen von der Zukunft und wissen nicht, dass in wenigen Stunden alle Träume platzen werden, dass man die Pläne ändern muss. Krieg! Und nun laufen die Mädchen schon zum Bahnhof, ihre Klassenkameraden zu begleiten, die an die Front gehen.

Irina wurde in die physikalisch-mathematische Fakultät der Taschkenter Universität aufgenommen. Sie studierte ausgezeichnet – und plötzlich diese Nachricht! Irina wurde mit der Mutter und zwei Schwestern, vier und zehn Jahre alt, als Personen deutscher Nationalität aus Taschkent ausgesiedelt in einen fernen Kischlak im Gebiet Buchara. Und nun begleiteten schon die Klassenkameraden Irina, unbekannt wohin. Man glaubte, nicht für lange, aber dann war es fast für das ganze Leben.


Drei Schwestern 1941

Im Januar 1942 gelangten wir in den Kolchos „Sozialismus“. Man wies uns in eine Kibitka, eine Lehmhütte ohne Fenster, aber mit drei Türen, ein. Der Hunger in jenem Winter war schrecklich, wir waren vor Hunger aufgeschwollen. Als es Frühling geworden war, haben wir Gras gegessen.

Der Vater war zu dieser Zeit schon nicht mehr bei uns, er war 1937 verhaftet worden und, wie man uns gesagt hatte, zu 25 Jahren, ohne das Recht Briefe zu schreiben, verurteilt worden. Erst 1989 erfuhren wir, dass er schon 1938 erschossen wurde. 1956 wurde er postum rehabilitiert.

Dreißig Jahre später fuhren wir noch einmal dahin, um diese Stätten zu sehen, aber den „Sozialismus“ haben wir nicht gefunden, er war im wahrsten Sinne des Wortes vom Sand der Karakum verschüttet. Und es ist gut so...

Irina arbeitete im Kolchos als Rechnungsführerin, in der Schule lehrte sie die Kinder in usbekischer Sprache arithmetische Aufgaben zu lösen. Eine russische Schule gab es nicht.

1943 schaffte sie es, wieder in die physikalisch-mathematische Fakultät des Pädagogischen Instituts Buchara aufgenommen zu werden, wo damals evakuierte Dozenten und Professoren aus Leningrad, Kiew und Charkow unterrichteten. Für mich war die Zeit herangekommen, in die Schule zu gehen, für die mittlere Schwester – weiter zu lernen. Bis dahin hatte sie nur dreieinhalb Jahre die Schule besucht. Im Familienrat war beschlossen worden, dass Irina uns zu Hause unterrichtet. Die ersten Worte und Ziffern schrieb ich im Sand, arithmetische Beispiele und Aufgaben löste ich nach usbekischen Lehrbüchern. Am schwierigsten war es mit der russischen Sprache. In unserer Umgebung gab es keine Russischsprechenden. Die usbekische Sprache lernten wir sehr schnell, untereinander sprachen wir oft usbekisch.

Ich weiß noch, wir hatten zwei Bücher: „Robinson Crusoe“ in russischer Sprache und Andersens Märchen in deutscher Sprache. Daran lernte ich lesen in diesen beiden Sprachen. Sehr schwer war es mit der Grammatik, die ältere Schwester ließ uns seitenweise Texte aus „Robinson Crusoe“ abschreiben, übte mit uns Diktate, Kontrollarbeiten, sogar Ferien hatten wir, wie in einer richtigen Schule.

Und im Herbst ernteten wir zusammen mit den Kolchosbauern Baumwolle.

Unsere Mutter unterrichtete Deutsch in der örtlichen Schule. Es war unbegreiflich, da war Krieg und in einem fernen Kischlak (usbekischen Dorf) lehrte man die usbekischen Kinder die deutsche Sprache. Aber dann kamen einmal drei in Zivil in unsere Kibitka (usbekische Lehmwohnung) und wühlten alles durch, was man durchwühlen konnte. Sie nahmen alles mit, was in deutscher Sprache war: Postkarten, das Heft mit Mutters Rezepten für die Weihnachtspfefferkuchen, verhafteten Mutter und führten sie auf dem staubigen Weg fort. Ich weinte, lief ihr hinterher. „Weine nicht, in zehn Tagen kommt die Mutter zurück“, - sagte man mir. Sie ist nach zehn Jahren zurückgekommen.

So blieben wir in dem Kischlak ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Bekannte: Irina war 21 Jahre alt, Gerda – vierzehn und ich, neunjährig. Alle Verantwortung für uns lag auf den Schultern unserer älteren Schwester. Man hatte uns ein kleines Stückchen Land gegeben, wir säten dort Gerste, Hirse. Alles machten wir allein: haben gesät, gemäht, gedroschen. In einem steinernen Handmörser haben wir die Hirse gestoßen und erhielten so Hirsegrieß. Und dann hatten wir noch eine Ziege, die wir am Rand eines Bewässerungsgrabens weideten. So hatten wir manchmal sogar Milch. Das rette uns vor dem Verhungern.

Die Winter in der Wüste sind kalt, schon im Sommer musste man für Heizmaterial für den Winter sorgen. Aber was konnte man in der Wüste finden? Wald gab es nicht, Brennholz auch nicht, nur Kisjak (getrockneter Mist). Und so ging ich über Wege und Felder und sammelte Mist in einen Eimer und freute mich, wenn ich Kuhmist gefunden hatte, weil der Eselsmist schneller verbrannte.

Wir heizten auch mit Baumwollsträuchern. Im Herbst, nach der Ernte, teilte uns der Kolchos ein Stück Baumwollfeld zu, pflügte es auf und wir sammelten die Sträucher zu Stapeln und bewahrten sie auf dem Dach unserer Kibitka auf.

Streichhölzer sparten wir: wenn die Öfen geheizt wurden, sahen wir, wo Rauch herauskommt und gingen zu den Nachbarn „Feuer zu holen“. Die Usbeken waren gut zu uns, brachten uns manchmal sogar Fladenbrote. Drei deutsche Mädchen in einem abgelegenen usbekischen Krähwinkel! Jetzt kann man sich das gar nicht mehr vorstellen.

Irina hat tagsüber gearbeitet, danach bis spät in die Nacht, arbeitete sie bei einem Lämpchen, fuhr dann zu den Prüfungen nach Buchara. Bis Buchara waren es sechzig Kilometer, und sie schaffte das, mal zu Fuß, mal mit einer Arba, und wenn sie Glück hatte, im Führerhaus eines Lastwagens. Sie lernte sehr erfolgreich, legte die Prüfungen als Externe in drei Jahre ab, und 1946, beendete sie das Institut mit Auszeichnung und erhielt das Diplom als Fachlehrer für Mathematik.

Vor kurzem erinnerte sich Irina, wie sie nach den Staatsexamen, schon mit dem Diplom eines Fachlehrers für Mathematik in der Tasche, auf dem Rückweg zum Kischlak war. Und wir, zwei Mädchen von zehn und vierzehn Jahren, waren ganz allein in der Kibitka. Die letzten zehn Kilometer ging die Schwester zu Fuß, als ihr plötzlich auffiel, dass keine Menschen auf den Feldern waren, gewöhnlich wurde zu dieser Zeit die Baumwolle gejätet. Und in den Kischlaks, durch die sie kam, hörte sie Weinen und Heulen.

In der Zeit, als sie weg war, hatte eine schreckliche Epidemie komatöser Malaria begonnen.

Jeden Tag starb irgendjemand im Kischlak. Als Irina in unsere Kibitka kam, lagen wir beide im Koma. Ihr Kommen hatte uns gerettet: wir erhielten noch rechtzeitig eine Dosis Akrichin und wurden vor dieser schrecklichen Krankheit gerettet.

Irina wurde als Mathematiklehrer in der russischen Schule im Dorf Gishduvan eingesetzt. Das war schon ein Kreiszentrum, und wir waren nach fünf Jahren wieder unter russischsprachigen Menschen. Ich kam mir vor wie Maugli: mit den Mädchen konnte man russisch sprechen, Schulversammlungen (ich wollte gleich im „Präsidium“ sein), Sportunterricht mit der „Schwalbe“, die ersten auswendig gelernten Gedichte, der Tanz Hopak mit dem Kranz aus selbst gemachten Blumen und Atlasschleifchen . . .

Meine Schwester hatte gesagt, dass ich in die vierte Klasse gehe und Gerda – in die achte. Wir hatten die Prüfungen bestanden. Das waren die Früchte von Irinas Arbeit. Auch in der Schule unterrichtete sie uns wieder, sie wurde unsere Lieblingslehrerin.


Irina veranstaltete Wanderungen zum Fluss Serafschan, zum Neuen Jahr putzte sie einen Maulbeerbaum zur Tanne an, mit Baumwollflocken auf den Zweigen und Papierlämpchen und Girlanden, die wir selbst geklebt hatten. Ich war eine Prinzessin in einem Mullkleid. Ich erinnere mich noch der Konzerte, die die Schwester in der Schule und im Klub des Baumwollwerks veranstaltete. Die Zuschauer waren gutmütig und nicht verwöhnt, sie lachten und klatschten aufrichtig.

Die Schule haben wir zwei Schwestern mit der Medaille abgeschlossen, die Institute – mit roten Diplomen. Auch das war Irinas Verdienst. Gerda, die mittlere Schwester, hat vierzig Jahre als Mathematiklehrerin an der besten Mathe-Schule von Taschkent gearbeitet. Ich habe die chemische Fakultät des Taschkenter Polytechnischen Instituts abgeschlossen (in die physikalisch-mathematische Fakultät der Universität wurde ich nicht angenommen).

Als ich im dritten Studienjahr die letzte Mathematikprüfung ablegte, fragte mich der Dozent Davtjan: „Warum sind Sie nicht an der physikalisch-mathematischen Fakultät? Von Integralen erzählen Sie nicht nur, Sie singen sie ja förmlich!“ Auch das war die höchste Einschätzung für unsere Schwester. Irina hat uns gelehrt, alles auf „ausgezeichnet“ zu tun und hat immer wiederholt: „Mit eurer Biographie könnt ihr nur dann etwas erreichen, wenn ihr die Besten der Besten seid. Und wir haben uns Mühe gegeben.

Nach der ersten Baumwollkampagne gab man mir einen Platz im Studentenwohnheim. Vorher hatte man mir keinen gegeben: „Das fehlt noch, dass Sie mit ihrem faschistischen Geist im Wohnheim leben!“  Aber niemand wusste, dass ich, die Sonderansiedlerin, bis zum dritten Studienjahr monatlich in die Kommandantur gegangen bin, mich zu melden. Und als wir jeden Herbst für zwei Monate zur Baumwollernte fuhren, musste ich mich bei der Kommandantur abmelden und nach Abschluss der Baumwollkampagne eine Bestätigung vom Kolchosvorsitzenden bringen, dass ich diese Zeit auf den Baumwollfeldern zugebracht hatte.

Ich erinnere mich noch, dass der Kolchosvorsitzende, als er den Abmeldeschein unterschrieb, mich fragte: „Und was bist du – eine Diebin?“ – „Nein, eine Deutsche“. Und mir kam es so vor, als ob er mit Mitgefühl auf mich sah.

Irina Michailovna hat in einer Schule in einem abgelegenen usbekischen Kreis vierzig Jahre gearbeitet, hat über tausend Schüler entlassen, die sich das ganze Leben an sie erinnern. In diesem Zusammenhang muss ich von einem Fall erzählen, der sich ereignet hatte, als meine Schwester schon in Rente war. Sie fuhr mit ihrem Mann im Auto auf dem Weg durch die Wüste nach Navoj. Plötzlich streikte der Motor und der „Saporoshez“ blieb in der kahlen Steppe stehen. Es fanden sich gute Menschen und schleppten sie bis zur nächsten Autowerkstatt.

Der junge Mechaniker sagte, nachdem er das Auto angesehen hatte: „Kommen Sie in drei Tagen wieder“. Die Schwester und ihr Mann waren ratlos: wo sollten sie die drei Tage bleiben? Und auf einmal fragte der Mechaniker, als er die Dokumente an Hand des Passes ausfüllte: „Sind Sie Irina Michailovna? Die Mathematiklehrerin aus Gishduvan? Ich habe über Sie einen Aufsatz geschrieben! „Aber Sie waren doch nicht mein Schüler, ich kann mich an Sie nicht erinnern“, antwortete sie. „Aber mein Vater war Ihr Schüler, er hat soviel von Ihnen erzählt, dass ich zu einem Wahlthema einen Aufsatz geschrieben habe – „Die Lieblingslehrerin meines Vaters„. Der „Saporoshez“ wurde schnell repariert und sie konnten weiterfahren.

In der Überschrift habe ich geschrieben: drei Schwestern . . . ohne Onkel Wanja. Aber wir hatten einen prima Onkel Wanja, den Fachlehrer für Physik und Astronomie. Ich kann mich schlecht an ihn erinnern, aber Ira sagt, dass er in die Astronomie, in den Himmel, verliebt war. Unseren Onkel Wanja hatte man 1942 in die Trudarmee nach Tscheljabinsk geholt. Nach einem Jahr ist er an Unterernährung und wegen der zu schweren Arbeit gestorben.  

In Asien ist es nicht nur tagsüber sehr heiß, sondern auch nachts, fast alle schliefen draußen im Hof. Der asiatische Himmel ist besonders dunkel und die Sterne an ihm sind sehr hell. In solchen Nächten erzählte uns die Schwester das, was sie von Onkel Wanja erfahren hatte. Schon als sechsjähriges Mädchen wusste ich, wo der Große und wo der Kleine Bär ist, der Polarstern, Orion, die Cassiopeia . . . Wenn nicht diese Nächte unter dem Sternhimmel gewesen wären, wüsste ich nicht, wer mir wann von diesen Sternen und Sternbildern erzählt und sie gezeigt hätte.

Außerdem lehrte uns Irina Walzer tanzen, sang uns die bekannten Melodien, erzählte uns von Tom Sawyer, David Copperfield, den Kindern des Kapitäns Grant . . .

Später haben wir viel gelesen, die Kreisbibliothek war wunderbar, und das alles fünfhundert Kilometer von Taschkent entfernt. Wahrhaftig, Bücher auch in der Wüste – Bücher! Ich  könnte noch viel über unsere hervorragende ältere Schwester Irina Michailovna Unruh schreiben. Ich muss noch sagen, dass sie außer uns zwei Schwestern noch ihre drei bemerkenswerten Kinder großgezogen und erzogen hat, sie sind erfolgreiche Programmierer geworden. Auch meine Tochter Lena hat lange in der Familie Irinas gelebt und auch gelernt die Mathematik zu lieben.


1992 sind wir drei Geschwister mit Kindern und Enkeln als Deutsche nach Deutschland ausgewandert, und haben uns in Chemnitz sehr gut eingewohnt und integriert. Im März dieses Jahres sind meine Geschwister Gerda und Irina im alter von 85 und 92 Jahren verstorben. Dieser Artikel ist ein Andenken an unsere Schwester, die uns in schwierigsten Zeiten erzogen und ausgebildet hat.

Dr. Margarita Unruh


 

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