Reflexionen über das Schmerzhafte

Seit mehr als einem halben Jahrhundert bleiben die Peripetien des Opferschicksals der Russlanddeutschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Besorgnis derjenigen von Russlanddeutschen, die ihre Zukunft eindeutig mit dem neuen Russland und der echten nationalen Wiederbelebung der Gemeinschaft der Stammesgenossen verbinden.

Jetzt werden die Aussichten für die begehrten Wünsche der Menschen leider immer problematischer.

Ein unparteiischer Beobachter kann nicht umhin, das rasche Verschwinden der Grundlage des nationalen Lebens des Volkes zu bemerken – der physischen Träger der nationalen Identität. Letztere verlassen leise und traurig den kargen nationalen Lebensraum als Fragment der deutschen Mentalität für den persönlichen Konsum. Sogar deutsche Nachnamen verschwinden in rasantem Tempo.

Darüber hinaus droht der Prozess des Zerfalls unumkehrbar zu werden.

Die Ausnahme sind vielleicht die beiden deutschen Nationalregionen, in denen glücklicherweise das nationale Leben in irgendeiner Form noch erhalten bleibt.

Was kommt als nächstes? Die Behörden haben offensichtlich ihr Herangehen ans Problem der Russlanddeutschen beschlossen. Sie haben den Vektor der Lösung unseres nationalen Problems demonstrativ in eine neue, für sich akzeptable Entwicklungszone verwandelt. Im Rahmen des letzteren wird höchstwahrscheinlich eine weitere Kampagne der nationalen und kulturellen Wiederbelebung stattfinden. Nach diesem Szenario wird bestimmt, (was meiner Meinung nach, das Wichtigste ist), welche Kultur bzw. „erweiterte Identität“ den Deutschen in Russland in Zukunft zuteilwerden könne.

Um eine positive Entwicklung der Situation zu erreichen, werden natürlich angemessene Maßnahmen des Staates und der Deutschen selbst erforderlich sein, was leider nicht geschieht. Im Gegenteil, es gibt viele Beispiele für das Gegenteil.

So wurde zum ersten Mal durch den Mund verantwortlicher Vertreter staatlicher Strukturen offen gesagt, dass die Russlanddeutschen keiner Rehabilitation bedürfen; zum ersten Mal wurde die Absicht angekündigt, die gesamte politische Komponente des Problems aus dem russisch-deutschen Protokoll über die Unterstützung der Russlanddeutschen zu entfernen.

Wieder einmal versuchen die Gesandten der Staatsduma, die die Initiative ergriffen haben, anstelle des Gesetzes über die Rehabilitierung der Russlanddeutschen, diesem Volk einen gewissen Ersatz in Form einer öffentlichen „Selbstorganisation“ aufzuerlegen.

Wieder und nicht zum ersten Mal reagierte die Präsidialverwaltung nicht auf die schriftliche Bitte der deutschen Öffentlichkeit, die offizielle Position des Staates in der Frage der Rückgabe nationaler Rechte an das bisher einzige nicht rehabilitierte, unterdrückte russlanddeutsche Volk bekannt zu geben. Solch eine abweisende und gleichgültige Haltung gegenüber den Menschen scheint meiner Meinung nach unverständlich.

Es ist klar, dass die Behörden versuchen, die Führung der Russlanddeutschen davon zu überzeugen, die Ideologie der nationalen Bewegung radikal zu „aktualisieren“. Die Menschen werden auf die Idee der Unvermeidbarkeit und Zweckmäßigkeit des freiwilligen Verzichts auf die Rehabilitation gebracht, in der Hoffnung, dass angesichts des gewonnenen Tempos der Assimilation das Problem von sich selbst bald verschwinden wird, ebenso wie die Menschen selbst. Die Destruktivität des auferlegten Kurses ist offensichtlich.

Es scheint, dass dies die Führung der Russlanddeutschen dazu veranlassen sollte, die Reihen zu schließen, um nach einvernehmlichen angemessenen Entscheidungen zu suchen und diese zu treffen. Doch nicht alle Russlanddeutschen sind mit einer derart negativen Einschätzung der Lage einverstanden. Darüber hinaus zeigt sich die Bereitschaft, seine Aktivitäten an die Bedingungen der Stagnation anzupassen.

Umfragen zufolge übersteigt die Zahl der Deutschen, die verschiedene, auch Clubveranstaltungen von Kulturzentren, besuchen, im Durchschnitt nicht 1-2%, was die aktuelle Situation nicht wirklich ändern kann. Dennoch ist es wünschenswert, die Arbeit fortzusetzen, aber in einer effektiveren Form. Warum dies geschieht, ist nicht leicht zu erklären.

Meiner Meinung nach, sind einige der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unter den Russlanddeutschen in Gefangenschaft ihrer eigenen illusorischen Ideologie, die auf einer falschen Vorstellung von den Ursprüngen der Entstehung und der lebensfähigen Existenz unseres Volkes und seiner Kultur beruht. Daher zum Teil die entsprechenden Aktionen.

Viele glaubten rücksichtslos (ich vermute, dass sie so aufrichtig glauben) an die Möglichkeit einer wundersamen Wiederbelebung der Kultur eines Volkes, das frei von den Grundelementen des Selbstüberlebens ist.

Es ist nicht verwunderlich, dass unter diesen Bedingungen fast fünfzehn Jahre beträchtlicher intellektueller Anstrengungen und materieller Kosten für die „Entwicklung der Kultur“ sich als unproduktiv erwiesen und nicht die gewünschten Ergebnisse erzielten und sie waren eigentlich auch nicht imstande, solche Ziele zu erreichen.

Ein verschwindendes Volk kann eine nationale Kultur definitionsgemäß nicht wiederbeleben, weil sie außerhalb des Volkes nicht existiert.

Ich bin weit davon entfernt, die nützlichen Dinge zu leugnen, die mit Unterstützung Russlands und Deutschlands zugunsten der Russlanddeutschen getan wurden, auch im Hinblick auf die Erhaltung der Kultur. Es scheint jedoch, dass der Fortschritt in dieser Hinsicht nicht durch die Anzahl der realen und symbolischen Kulturzentren bestimmt wird, sondern durch die Zahl der deutschen Bevölkerung, die diese Zentren besucht, und, was noch wichtiger ist, durch das Maß, in dem sie greifbare Elemente der Nationalität behalten.

Ich möchte nachdrücklich betonen, dass ich keine allgemeine Meinung wahrnehme, angeblich sei es unmöglich, die Behörden mit Appellen und Forderungen zu belästigen, die für sie unbequem seien, etwa über Rehabilitation usw., um die gegenseitige Irritation und Ablehnung zu vermeiden. Im Gegenteil, ich halte es für notwendig, offen und entschieden berechtigte Empörung über die negative Position der Behörden zum Ausdruck zu bringen, die sich tatsächlich vor einer echten Lösung des Problems unseres Volkes scheuen.

Die Erinnerung an unsere Vorfahren, unschuldig ruinierte Väter, Mütter, Brüder und Schwestern, die einst eine mächtige russlanddeutsche Volksgruppe hervorbrachten, die uns die einzigartigen menschlichen Werte unseres Volkes vererbten, die im Laufe der Jahrhunderte von ihnen gepflegt und sorgfältig aufbewahrt wurden, verdient größere Ehre und Respekt, als wir ihnen zeigen.

Die Geschichte wird bestimmen, ob dies der Fall sei oder nicht, ebenso wie die Beteiligung eines jeden von uns an dieser heiligen Sache…

Herman Arnhold
Ehrenvorsitzender der Gesellschaft der Russlanddeutschen „Wiedergeburt“ Baschkortostans,
Veteran der nationalen Bewegung

 

 

 

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